Andreas Trumer und Stefan Conradi vom Berliner Sportverein Pink Ballroom nehmen als Tanzpaar an Wettbewerb bei den Gay Games Cologne 2010 teil in Standard, in den Kategorien 35 und 45 plus. José Ospina-Valencia hat sie im Hotel Maritim getroffen, der Austragungsort des Wettkampfes.
Was bedeuten die Ziffern?
Stefan: Beide müssen das Alter überschritten haben.
Welcher ist der Unterschied zwischen Euer Tanzwettbewerb und denen, die man in Fernsehen normalerweise sieht?
Andreas: Dass die Tänzer gleichgeschlechtlich sind. Zwei Frauen und zwei Männer tanzen miteinander.
Stefan: Es gibt noch einen großen Unterschied: Bei Heterosexuellen ist klar wer führt, nämlich der Mann. Die Frau hat zu folgen. Bei gleichgeschlechtlichen Paaren kann es einer von beiden. Aber man kann die Führung wechseln, zwischendurch. Und das kann man stilvoll machen. Und das sieht toll aus.
Und wer führt bei Euch?
Stefan: Ich führe
Wieso?
Stefan: Weil ich einen kleinen Kopf größer bin. Das ist wichtig. Wenn man kleiner ist, ist es schwieriger jemanden zu führen. Normalerweise führe ich, auch mit meinen anderen Tanzpartnern.
Ist also die Statur entscheidend beim Führen?
Andreas: Ja. Aber bei gleichgeschlechtlichen Wettbewerben gibt es immer wieder Paare, die das durchbrechen. Wie hier bei den Gay Games in Köln. Ich habe sonst einen Tanzpartner, der etwas kleiner ist. Bei Equality Tanz ist dies möglich ohne gleich disqualifiziert zu werden. Das Tanzen bei den Gay Games ist ein Breitensport, der mehr Möglichkeiten zulässt als im heterosexuellen Bereich. Das finde ich gut.
Kann man disqualifiziert werden wegen eines Fehlers beim Führen?
Stefan: Nein. Das passiert, wenn man, zum Beispiel, die falsche Kleidung an hat. Da gibt’s Vorschriften bei den Gay Games. Grenzwertig ist es wenn Männer in Frauenkleidern erscheinen. Ich glaube, das geht nicht. Man muss auch die richtigen Tanzschuhe haben. Mann kann nicht einfach in Straßen- oder Turnschuhen tanzen. Das ist vorgeschrieben, wie bei anderen internationalen Turnieren.
Muss also ein Transsexueller Männerkleidung tragen?
Andreas: Das ist noch nicht passiert. Aber es gibt immer wieder Männer und Frauen, die Kombinationen tragen. Frauen haben manchmal ganz weite Hosen, die wie ein Rock aussehen, und trotzdem sind es Hosen. Oder oft haben sie ein Kleid und drunter haben sie Hosen. Es gibt hier mehr Varianten und Möglichkeiten als man sie je bei einem Heteropaar sehen würde.
Stefan: Bei den Heteros hat der Mann ein Frack und die Frau ein Ballkleid an. Bei uns sind die Kostüme, je nach fortgeschrittenen Status, ganz unterschiedlich. So zum Beispiel, zwei Männer in Frack oder einfach nur in Hemd und Krawatte. Oder in Latein extravagante Kleidung. Alle Farben sind denkbar, wobei Schwarz sich wieder durchsetzt.
Wie kommt Ihr dazu professionell zu tanzen?
Andreas: Professionell ist nicht ganz. Es ist zumindest ein Sportverein, in dem wir sind. Als die Gay Games in Sydney stattfinden sollten, wurde in Berlin dafür geworben und mein Freund hat mich darauf aufmerksam gemacht. Ich hatte mir bis dahin noch nicht vorstellen können mit einem Mann bei einem Wettbewerb zusammen zu tanzen. Ich fand es aber toll. Das tanzen beim Café Fatal in Berlin fand ich immer faszinierend. Die Trainer dort sind sehr professionell. Aber auch die Möglichkeit beim Tanzen zu führen oder geführt zu werden fand ich immer toll.
Wann war das erste Mal das Ihr mit einem Mann getanzt habt?
Stefan: Oh! Das ist lange her. Da war ich vielleicht 26. Der Standardtanz hat mich schon als Jugendlicher interessiert. Aber lange Zeit war das schwul-lesbische Tanzen gar nicht möglich. Dann habe ich das Berliner SO 36 kennen gelernt. Dort findet das Café Fatal statt. (SO 36 ist der historische Name des Berliner Postzustellbezirks Südost 36 in Kreuzberg). Ich war völlig begeistert. Dort herrscht eine super Stimmung: Frauen, die mit Frauen tanzen; Männer, die mit Männern tanzen. Man wird aufgefordert, man kann zum Tanzen auffordern. Das ist das Tolle; man macht etwas zusammen, gemeinsam und nah beieinander. Es ist schon richtig toll.
Wie wurde Ihr zum Tanzpaar?
Andreas: Wir tanzen normalerweise nicht zusammen. Aber unsere Tanzpartner konnten nicht. Zum Glück gibt’s eine Tanzbörse und, da wir im selben Sportverein sind, hat sich geboten zusammen etwas zu machen. Jetzt sind wir froh, dass wir uns für die Gay Games entschieden haben und dass wir nicht nur zugucken müssen.
Stefan: Ich hatte mich bei den Gay Games in Köln nur zum Laufen angemeldet. Aber ich wurde von Andreas gefragt ob ich mit ihm hier tanzen würde. Da war ich ganz froh. Wir haben trainiert und es läuft ganz gut.
Wieso habt Ihr Euch für Gay Games entschieden?
Andreas: Ich bin bereits bei den Gay Games und Out Games gewesen und die Stimmung ist schon toll. Bei einem solchen internationalen Turnier trifft man Paare, die man sonst nicht sieht. Wenn man selber tanzt, es ist schwer nur zugucken zu müssen. Es ist einfach faszinierend zu sehen wie sich die Paare bewegen. Es ist toll wenn man schon die Musik hört.
Wie viele Paare tanzen bei den Gay Games Cologne 2010?
Stefan: Es sind um die 400 insgesamt. Sie tanzen in verschiedenen Kategorien und Altersstufen.
Habt Ihr extra neue Schritte für die Gay Games?
Stefan: Nur durch ständiges Training lassen sich gute Plätze erreichen. Wir haben uns vor Wochen davor überlegt was passt, was können wir zusammen. So haben wir eine Choreographie, die steht, die wir tanzen wollen. Aber jetzt kommt das, was tanzen so spannend macht: Wir sind nicht allein auf der Fläche. Da kommt ein anderes Paar, das quer tanzt oder steht direkt vor Einem und dann muss man improvisieren mit den entsprechenden Standard-Schritten und da raus zu kommen um in die eigene Schritte rein zu kommen.
Andreas: Es gibt Paare in der A-Klasse, die sich neue Choreographien einarbeiten um nicht immer das Gleiche zu tanzen. Da spielt auch die Kleidung eine Rolle. Diese Paare versuchen die Musik zu vertanzen. So wird es schwer es gut zu machen.
Wenn es viele Paare auf der Tanzfläche sind, die alle gleichzeitig bewertet werden müssen, werden da keine Tricks verwendet um sich Raum zu verschaffen oder anderen aus dem Takt zu bringen?
Stefan:... mit dem Pomps! (Gelächter!)
Andreas: Nicht wirklich mit Absicht. Aber es kommt manchmal zu Gedränge. Gerade bei Sichtungsrunden es ist ja so, dass gute Paare sich die Fläche mit weniger Erfahrenen teilen müssen. Manches gute Paar tanzt viel raumgreifender, viel schneller. Und da kann es passieren, dass man als ungeübtes Paar eher in Deckung geht. Aber, dass einige Tricks verwenden, kann man nicht ausschließen.
Es ist also nicht vorgegeben wie viel Quadratmeter man zur Verfügung hat...?
Stefan: Man hat die ganze Fläche. Beim Standardtanz sollte man die Fläche gut nutzen. In einem normalen Turnier gibt es 10 Paare auf der Tanzfläche, die etwas kleiner ist als ein Volleyballfeld. Die Paare vertanzen die gleiche Musik und werden dann vergleichend bewertet. Es gibt aber ganz große Turniere, wie das Blaue Band in Berlin, da sind so viele Paare auf der Fläche, dass man kaum Platz hat. Auf einer Endrunde sind aber 6 Paare.
Was bedeutet das Tanzen für Euch?
Andreas: Versuche ich auch herauszukriegen. Es ist einfach eine Faszination, die ich schon als Kind spürte: Musik und Bewegung zu kombinieren. Es ist die unterschiedliche Musik: mal ist es einen langsamen Walzer, mal ein Quickstep. Es gibt Leute, die machen alle zehn Tänze. Das Tanzen ist es so wie ich bin: eine gute Mischung aus allem.
Stefan: Tanzen mache ich seit langem gerne. Auch allein in der Disko. Mir macht Spaß den Charakter der Musik in irgendeiner Weise darzustellen. Durch die professionelle Beschäftigung mit dem Tanzen, wird das Tanzen in der Diskothek variantenreicher.
Wenn Ihr Tango, Pasodoble oder Twist tanzt, beschäftigt Ihr Euch auch mit der Geschichte hinter der Musik?
Andreas: Nicht so sehr. Wobei ich das spannend finde über die Entwicklung des Tanzens zu erfahren Ich habe schon gelesen wie bestimmte Tänze nach Europa gekommen sind, aber auch warum manche Sachen anders genannt werden.
Wie könnte man ein Techno-Tänzer für Euer Tanzprogramm begeistern?
Stefan: Das wird schwer. Der Techno ist sehr stark durch den Beat, durch den Bass bestimmt. Bei Standardmusik sind es andere bestimmende Elemente: im langsam Walzer ist es der ¾ Takt. Es ist eine ganz andere Art zu tanzen. Aber der Cha Cha Cha, der sehr schnell ist und sehr scharfe Punktierung hat, könnte Jemand von der Techno-Szene interessieren. Aber ein richtiger Raver kann weder mit Standard noch mit Latein etwas anfangen...
Andreas: Aber manche Raver wollen auch noch den nackten Oberkörper zeigen und das kann man nicht beim Standardtanz. Vielleicht wäre das einen Grund für eine Disqualifizierung.
Und was für Musik läuft bei Eurem Wettbewerb?
Andreas: Das wissen wir nicht. Die Musik läuft 1´.30´´ oder 2 Min. nach den neuen Regeln. Man kennt nicht die Titeln, die gespielt werden. Man weißt nur, jetzt kommt ein langsamer Walzer. Das macht es spannend. Es kommt vor, dass die Musik zu langsam ist für die Choreographie, die man vorbereitet hat. Oder sie ist zu blöd. Man muss sie aber trotzdem tanzen. Man muss darauf reagieren um es schön zu vertanzen. Deswegen funktioniert es nicht einfach die Choreographie abzuspulen.
Stefan: In der A-Klasse bei den Standardtänzen gibt es fünf verschiedene Tänze: der langsame Walzer, der Tango, der Wiener Walzer, der Slowfox und der Quickstep, in dieser Reihenfolge. Bei den unteren Klassen fallen der Wiener Walzer und der Slowfox weg. Welche Musik wird von der Jury gelegt, ob es Glenn Miller ist oder von einer unbekannten Band ist, hört man erst wenn die Musik losgeht. Es gibt Musik wie beim langsamen Walzer, da hört man den Rhythmus nicht. Und Rhythmus ist das erste Bewertungskriterium und wenn man es nicht hört, hat man die erste Schwierigkeit zu bewältigen. Danach kommen ganz viele Feinheiten: wie man Punktierungen setzt, Phrasen setzt... alles was man aus der Musik kennt, kann man mit dem Tanz darstellen und im Rahmen der standardisierten Schritten super variieren.
Mit welcher Medaille rechnet Ihr in Köln? (Gelächter!)
Andreas: Es ist schön wenn man in die Finale rein kommt. Es ist ein gutes Zeichen wenn man zu den 6 Favoriten gehört. Dadurch, dass wir die internationalen Paare nicht kennen, bleibt spannend. Aber man kann relativ schnell aus den Vorrunden rausfliegen. Ich habe bei den Outgames in Montreal eine Goldmedaille in der Kategorie D, für Anfänger, gewonnen.
Andreas: Mit meinen früheren Tanzpartner haben wir es bis zur B-Klasse geschafft. In Montreal haben wir allerdings in der C-Klasse gewonnen.
Und welcher ist Euer Eindruck vom Tanzwettbewerb bei den Gay Games in Köln?
Andreas: Ich finde es toll, dass es stattfindet...Und in so einem wunderbarem Ambiente, in so einem schönen Ballsaal (Saal Maritim des gleichnamigen Kölner Hotels). Das verlangt viel Arbeit und Vorbereitung. Es macht Spaß in so einem Ambiente zu tanzen, mit so einem internationalen Publikum. Es ist etwas Besonderes dabei zu sein. Auch wenn am Ende die Platzierung nicht ganz so gut werden kann, bin ich froh dass es mit Stefan geklappt hat.
Stefan: Der Spaß am Tanzen ist das Allerwichtigste. Wenn wir uns irgendwelche Plätze ausrechnen wollten, dann ginge das ganz schwer. Was mir auch gefällt ist die Stimmung hier. Beim ersten Training haben hier neue Paare von der Konkurrenz gesehen, die so toll getanzt haben, dass sie Favoriten sein können. Das ist spannend.
Viel Spaß und viel Erfolg!
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